Die Welt nach Corona

Von Matthias Horx | März 2020

Die Corona-Rückwärts-Prognose: Wie wir uns wundern werden, wenn die Krise „vorbei” ist.

Hinweis: Dieser Text ist frei abdruckbar mit dem Hinweis: www.horx.com und www.zukunftsinstitut.de.

Ich werde derzeit oft gefragt, wann Corona denn „vorbei sein wird”, und alles wieder zur Normalität zurückkehrt. Meine Antwort: Niemals. Es gibt historische Momente, in denen die Zukunft ihre Richtung ändert. Wir nennen sie Bifurkationen. Oder Tiefenkrisen. Diese Zeiten sind jetzt.

Die Welt as we know it löst sich gerade auf. Aber dahinter fügt sich eine neue Welt zusammen, deren Formung wir zumindest erahnen können. Dafür möchte ich Ihnen eine Übung anbieten, mit der wir in Visionsprozessen bei Unternehmen gute Erfahrungen gemacht haben. Wir nennen sie die RE-Gnose. Im Gegensatz zur PRO-Gnose schauen wir mit dieser Technik nicht »in die Zukunft«. Sondern von der Zukunft aus ZURÜCK ins Heute. Klingt verrückt? Versuchen wir es einmal:

Die Re-Gnose: Unsere Welt im Herbst 2020

Stellen wir uns eine Situation im Herbst vor, sagen wir im September 2020. Wir sitzen in einem Straßencafe in einer Großstadt. Es ist warm, und auf der Strasse bewegen sich wieder Menschen. Bewegen sie sich anders? Ist alles so wie früher? Schmeckt der Wein, der Cocktail, der Kaffee, wieder wie früher? Wie damals vor Corona?
Oder sogar besser?
Worüber werden wir uns rückblickend wundern?

Wir werden uns wundern, dass die sozialen Verzichte, die wir leisten mussten, selten zu Vereinsamung führten.

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Herzlichen Dank an Matthias Horx für diese klugen Betrachtungen.
Quelle: www.horx.com

Beim Betrachten der Tauben

Von Maximilian Buddenbohm | 11. Feb. 2020

So. Wo war ich? Wobei, das ist auch egal. Als ich neulich in diesem Herforder Freizeitbad das Buch über Meditation gehört habe, gab es da eine vollkommen ernst gemeinte Stelle, bei der ich vor Lachen erst einmal auf Pause drücken musste, ich hätte sonst absatzlang nichts mehr verstanden. Ich könnte auch jetzt noch anfangen zu lachen, schon wieder zu lachen, wenn ich nur daran denke. “Wo auch immer du hingehst”, so wurde da vorgelesen, “wo auch immer du hingehst – da bist du dann.”

Dass ich da lache, das ist natürlich nur meinem furchtbaren Banausentum in Sachen Meditation und Gegenwart und Hier und Jetzt und allem geschuldet, denn wahr ist der Satz, da kann man überhaupt nichts einwenden. Wo du auch hingehst, da bist du dann. Jo, Digger. Es ging selbstverständlich darum, dass man da dann auch bitte ganz sein soll, volle Möhre bewusst und achtsam und alles, es liegt mir im Grunde auch fern, das ignorant abzuwerten, nur weil ich da kein Topchecker bin und mehr zu den Getriebenen, den Hektikern und Ungeduldigen gehöre, nur weil ich also selbst vielleicht nicht ganz da bin. Was heißt vielleicht, ich bin es nicht, so viel steht mal fest.

Ich habe manchmal das etwas seltsame Gefühl, bevor ich irgendwo wirklich sein könnte, müsste ich erst zwei, drei Sachen zu Ende denken. Vielleicht sind es auch drei oder vier, fällt mir dann ein, und wenn ich länger darüber nachdenke und gerade Zeit habe, dann werden es auch schnell noch wesentlich mehr, so viele werden es, das geht bis hin zur Staubildung im Geiste. Als hätte ich seit irgendwann etwas nicht beendet im Hirn, als sei da ein Prozess hängengeblieben, also nein, eben nicht nur einer. Wenn ich das zeitlich zurückverfolge, was da so herumkreist, dann lande ich etwa im Jahr 2015. Das hat zum einen private Gründe, die hier dummerweise nicht verhandelt werden, das hat zum anderen politische Gründe, denn mir geht es wie vielen Menschen, die etwa seit 2015 dauernd und zunehmend genervter “Moment mal!” rufen möchten, weil erstens alles zu schnell geht, weil es zweitens alles gar nicht richtig läuft und weil es drittens nirgendwo vernünftig erklärt wird und bitte sehr, das habe ich jetzt so raffiniert formuliert, da können Sie sich mit jeder beliebigen politischen Haltung dahinter klemmen, nicht wahr, so ist es doch.

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Herzlichen Dank an Maximilian Buddenbohm für diese faszinierenden Betrachtungen.
Quelle: www.buddenbohm-und-soehne.de

Henry D. Thoreau: Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat

Fotografie von Thoreau in Schwarzweiß
Henry David Thoreau

Dieses Buch ist neben „Walden oder Leben in den Wäldern“ und seinen Tagebüchern das bedeutsamste und wirkungsreichste Werk von Henry David Thoreau. Das kleine Taschenbuch aus dem Diogenes-Verlag ist nachfolgend auszugsweise wiedergegeben, den Kauf kann ich nachdrücklich empfehlen. Aus dem Umschlagtext:

„Mahatma Ghandi verteilte die Schrift wie ein Lehrbuch unter seinen Schülern. […] Die Schrift, die Oppositionelle in aller Welt fasziniert, erhebt den Ungehorsam gegen den Staat zur Pflicht.“ (Der Spiegel)

„Thoreau macht deutlich: Gewaltloser Widerstand, das heißt nicht einfach Protest gegen staatliche Willkür; es heißt: Umlenkung der Staatsgewalt gegen den Staat selbst; es heißt: Anwendung des Judo-Prinzips in der Politik.“ (Walter E. Richartz)

Nachfolgend habe ich eine – rein subjektive und stark eingeschränkte – Auswahl von Zitaten aufgelistet, die vielleicht dem einen oder anderen Lust machen, das Büchlein selbst zu lesen.

Anfang 2013 machte sich David Adner die Mühe, das Buch zu übersetzen. Freundlicherweise stellt er diese hier für alle Interessierten zur Verfügung. Diese Übersetzung steht unter einer Creative Commons Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.

Ausgewählte Zitate:

Ich habe mir den Wahlspruch zu eigen gemacht: „Die beste Regierung ist die, welche am wenigsten regiert“; …“Die beste Regierung ist die, welche gar nicht regiert“; und wenn die Menschen einmal reif dafür sein werden, wird dies die Form ihrer Regierungsein. (S. 7)

[…]

Die Mehrzahl der Menschen dient also dem Staat mit ihren Körpern nicht als Menschen, sondern als Maschinen. Sie bilden das stehende Heer und die Miliz, die Gefängniswärter, die Konstabler, Gendarmen etc. In den meisten Fällen bleibt kein Raum mehr für Urteil oder moralisches Gefühl. (S. 10)

Es gibt Tausende, die im Prinzip gegen Krieg und Sklaverei sind und die doch praktisch nichts unternehmen, um sie zu beseitigen; (…) Menschen, für die die Frage der Freiheit hinter der des Freihandels zurücktritt (…). Sie warten – wohlsituiert –, dass andere den Übelstand abstellen, damit sie nicht mehr daran Anstoß nehmen müssen. (S. 13)

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Herzlichen Dank für die freundliche Genehmigung, diesen Blogartikel rebloggen zu dürfen.
Quelle: kais-journal.de

Mit Likes des Guten gegen Hass

Grafik zeigt blauen Hintergrund mit vielen, verschieden großen fliegenden Daumenhoch-Icons. Am unteren Bildrand sich nach oben reckende Hände verschiedener Hautfarben.

Nadia Bormotova/iStockphoto | Die Macht von Likes

Wo Liebe wächst, gedeiht Leben – wo Hass aufkommt, droht Untergang.
Mahatma Gandhi, 1869-1948 

Im Samstagsinterview des Bundes vom 21. September 2019 spricht Barnaby Skinner mit Julia Ebner über Hetzkampagnen gegen Minderheiten im Internet. Sie hätten zugenommen, sagt die Forscherin. Frau Ebner muss es wissen, denn sie chattet seit Jahren inkognito in Extremistenforen von Nazis oder Jihadisten und lernte dabei, mit der traurigen Tatsache von Gewalt und Hass im Internet umgehen. Man kann dagegen angehen.  Wir alle könnten etwas tun.

Kontakt mit den Extremisten herstellen ist effektiv: »Mit Abstand am meisten Erfolg haben die Eltern von Jihad-Konvertiten oder Familienangehörige von Terroropfern, die direkt in den Foren mit den Extremisten in Kontakt treten. Ihnen hören die Extremisten zu.« Längst nicht alle können oder wollen im Netz mit Extremisten chatten. Hingegen können wir mehr Zivilcourage an den Tag legen, ist Julia Ebner überzeugt: »Das nächste Mal, wenn Sie auf Facebook beobachten, wie jemand wegen seiner Hautfarbe angegriffen wird, sollten Sie sich überlegen, das Opfer mit einem Like zu unterstützen.« Und hält weiter fest: »Die Welt ist ein viel besserer Ort, als uns das Internet vorgaukelt. Man muss sich auch bewusst machen, dass nur 10 Prozent der Internetnutzer für über 50 Prozent des Hasses verantwortlich sind.«
https://epaper.derbund.ch

Die Gründe für Hass, nicht nur im Internet, sind zweifelsohne vielschichtig. Groll und Feindschaft sind häufig eine Reaktion auf Angst, Verletzung, Verlust, Ohnmacht. Hetzer und Hetzerinnen in Extremistenforen beispielsweise lieben ihre Religion oder ihre Heimat. Sie haben Angst, Wertvolles zu verlieren, oder sie haben es bereits verloren. Mit ihrer Wut und Abwertung wollen sie sich ermächtigen. Sie scheitern damit an der Liebe zu ihrem Land, ihrer Kultur oder ihrem Glauben. Es ist eine grosse Tragik, wenn Liebe in Hass umschlägt, doch eine persönliche Verletzung oder die Verehrung von eigenen Werten rechtfertigen nie die Verachtung und Bedrohung von anderen. Anderen psychisch oder physisch Gewalt an tun darf keine Antwort auf eigene Angst sein.

Sich dem Guten zuwenden

Im Nachgang zur Lektüre des Samstaginterviews ging mir durch den Kopf, wie wichtig es ist, die virtuelle Welt mit Gutem und Schönem zu füttern. [weiterlesen …]

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Herzlichen Dank für die freundliche Genehmigung, diesen Blogartikel rebloggen zu dürfen.
Quelle: Du-fehlst-mir.ch